Eine merkwürdige Geschichte


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Eine merkwürdige Geschichte

von

Hugo Walther

Es war einmal
ein Mädchen,
das Zauberei
machen könnte.

Niemand wusste es –
nur ihr Bruder,
der nichts
erzählen wollte.

Es war ein Geheimnis
zwischen den zwei Kindern.
Ihre Kameraden
in der Schule
wussten nichts.

„Warum willst du
dein Geheimnis
nicht erzählen,"
sagte Knut.

„Damit ist es ja
kein Geheimnis mehr.
Zauberei funktioniert nur,
wenn man nichts davon weißt,"
antwortete Ruth.

„Du musst
es doch wissen."

„Nein. Eigentlich nicht.
Zaubern kann man nur,
wenn man nicht ganz genau
weisst was passiert."

„So ist es ja
mit dem ganzen Leben."

„Natürlich.
Das Leben ist
nur Zauberei."

„Dann ist es auch Zauberei,
dass wir hier sitzen."

„Ja.
Jemand hat uns
lebendig gemacht,
und hier sind wir.
Wir haben ja nicht
darum gebeten,
lebendig zu werden."

„Wem sollte man doch fragen?
Das Kind ist noch nicht da,
denn es ist noch nicht geboren.
Und wenn es geboren ist,
ist die Frage überflüssig."

„Der Geist wird gefragt."

„Was?
Du meinst,
dass wir Geister sind,
bevor wir geboren werden?"

„Nein, wir sind Geister
in aller Ewigkeit.
Für immer!"

„Das kann doch nicht
wahr sein.
Wir sind Körper
und Gehirne,
die zusammen arbeiten,
und wenn wir sterben,
gibt es nichts mehr!"

„Kannst du dich vorstellen,
nicht lebendig zu sein?"

Er dachte ein bisschen.
„Nein, aber ----.
Man kann doch nicht
in aller Ewigkeit leben.
Das Leben muss
ein Ende haben."

„Für die Körper, ja.
Für den Geist aber nicht.
Der Geist muss
einen Körper haben,
um zu leben."

„Und was passiert
mit dem Körper,
wenn ein Mensch stirbt?"

„Er verlässt den Körper
wenige Stunden
vor dem Tode."

„Und wohin geht er?"

„Das ist das Problem.
Ich weiss es nicht.
Niemand weisst es."

„Doch.
Die Geister wissen es.
Aber wie kriegen wir
Kontakt zu den Geistern?"

„Das weiss ich!"

Die zwei Kinder
gehen in die Küche,
um Gläser mit Wasser
zu holen.
Dann stellen sie die Gläser
auf dem Tisch
und fragen:
„Wo seid Ihr, Geister?
Wir haben
eine wichtige Frage."

Die Stube
war ganz still,
und Knut konnte
sein Herzklopfen
ganz deutlich fühlen.

Auch seine Schwester
war nervös,
aber sie wusste ganz genau,
was sie tun wollten.

Sie klopfte dreimal
unter dem Tisch.
Und dann sagte sie:
„Liebe Geister,
wo seid Ihr?
Wir wünschen,
Kontakt zu Ihr
zu kriegen."

Und dann passierte
etwas wunderbares:
Die Gläser antworteten:
„Warum wollt Ihr
mit uns sprechen?"

„Um die Wahrheit
zu kennen."

„Es ist nicht gut
für Menschen,
alles zu wissen.
Wir haben unsere Geheimnisse.
Wenn Menschen uns gut kennen,
sterben wir."

Knut konnte nicht glauben,
was er hörte.
Darum sagte er:
„Du und deine Zauberei!
Du machst es.
Es ist nicht
die Gläser,
die antworten.
Wie machst du das?"

„Siehst du,
das ist mein Geheimnis."

Plötzlich hörten sie
eine Stimme
von einer der Gläser:
„Jetzt geht zu Bett.
Es ist spät.
Und wir haben nicht mehr Zeit."

Und dann waren
die Gläser
nicht mehr da!


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